Evangelische Kirche Böffingen

 

Die wohl interessanteste Geschichte in der Neuzeit hat sicherlich die als Kapelle um 1400 gebaute Böffinger Kirche zu erzählen.

Ein Prälat i . R. hat das heimelige Bauwerk erst im späten zwanzigsten Jahrhundert "Kapelle des heiligen St. Nikolaus" genannt, sehr zum Ärger  der Pietistisch geprägten Gemeinde, die jede Bindung an die dunkle Zeit der Katholischen Herrschaft grundsätzlich ablehnte. Er hat wohl Bezug genommen auf eine kleine Kapelle die einmal an diesem Ort stand..

Bedingt durch  den Untergang der katholischen Herrschaft von Neuneck, entstand das Kirchspiel Neuneck, Unteriflingen, Böffingen, das dann dem Herzogtum Württemberg einverleibt wurde.

1579 wurde Böffingen mit der Pfarrei Oberiflingen reformatorisch. Bis 1842 fanden Beerdigungen  in Oberiflingen statt. Noch heute trägt ein Waldstück oberhalb Unteriflingen den Namen "Totenwäldle", wo der Trauerzug  eine Pause einlegte, bevor es den letzten Kilometer bis zum Friedhof zu bewältigen hieß. Das Gewann "Totenberg" auf dem Weg von Böffingen nach Oberiflingen trägt auch heute noch diesen Namen.

1842 wurde eine Orgel eingebaut, die laut Aktennotiz "bei schlechtem Wetter zuweilen versagt". In selben Protokoll wird erwähnt, "dass es kein Kirchstuhlrecht gibt".

1880 wird letztmalig von einer Überholung berichtet.

Wahrscheinlich 1884 ersetzte man den Turm durch einen neuen, höheren. Bei diesem Anlass wurden 2 Glocken aufgehängt,  wovon die kleinere 1917 zu Kriegszwecken abgeholt wurde. Diese wurde bereits 1921 durch eine 105 Kilo schwere Bronzeglocke von der bürgerlichen Gemeinde ersetzt.

1946 versuchte man durch den Einbau eines schlechten Nachkriegsofens, die bis dahin kalten Gottesdienste erträglicher zu machen. Ein falsch bemessener Kamin erschwerte dies, es rauchte. Warm wurde es nur in unmittelbarer Nähe des Ofens.

Im Winter 51/52 kam eine weitere Glocke dazu, das Transportgefährt damals war ein Pferdeschlitten.

1954 erfolgte eine Turmrenovierung mit Aufsetzung eines Kupferdaches.

1963 war das einschneidenste Jahr des im germanischem Baustil errichteten Gebäudes.  Nach dreijähriger, viel in Eigenleistung erbrachter Bauzeit war die Erweiterung auf 200 Sitzplätze abgeschlossen. Die Arbeiten wurden erst begonnen, als die Finanzierung der benötigten 67.000,-DM gewährleistet war. Ein Großteil musste über Spenden- und Opfersammlungen zusammen kommen. Mancher im bäuerlich geprägten Böffingen verkaufte hierzu eine Kuh - ein Viertel eines Jahreseinkommens!

Der damalige, pietistisch geprägte Bürgermeister Mutschler übernahm die Leitung des im gotischen Baustil verwirklichten Umbaus. Bei der Einweihung feierte man die Installation der Elektrik, mit der erstmalig elektrisches Licht, die elektrische Heizung, sowie mit der automatischen Läuteanlage buchstäblich die Neuzeit eingeläutet wurde. Bis dahin war es Aufgabe des Mesners, täglich die Turmuhr aufzuziehen. Ebenso musste er täglich läuten um 12:00 Uhr und um 19:00 Uhr. Samstags noch um 15:00 Uhr. Oft eilte er zu Fuß vom Feld heim für diesen Dienst, um anschließend wieder zu Fuß die Arbeit fortzusetzen. Das waren nur einige seiner Pflichten, die mit 8,- DM im Monat entlohnt wurden. Hans Steinwand war Mesner von 1925-1992, fast 68 Jahre lang.

Die Kirche bekam eine Sakristei. Zuvor musste sich der Pfarrer hinter einem Lattengerüst umziehen. Diese Abgrenzung wurde Ställe genannt und war so nah beim Ofen platziert, dass die Latten durch die Hitzestrahlung beschädigt waren. Auch Pickel und Schaufel für den Totengräber befanden sich in der Kirche.

Erneuert wurde in dem Zusammenhang das Gestühl, die Kanzel, der Altar, der Taufstein, die Empore, die Wendeltreppe.

Der Bogen zum Chorraum besteht aus rotem Bundsandstein. Dem aufmerksamen Betrachter wird auffallen, dass es dunkle und hellere Steine sind. Beim Einbau waren alle Steine gleichfarbig. Als die unterschiedliche Färbung auftrat, kam bei Nachforschungen heraus, dass der Lieferant neues Material lieferte und gebrauchtes aus einer Mauer aus Freudenstadt. Ob dies aus Kostengründen vielleicht sogar so abgemacht war, konnte nicht mehr herausgefunden werden.

Den Chor schmücken zwei glasbemalte Fenster, von dem eines, passend zur Ortschaft, das Gleichnis vom Sämann darstellt. Im anderen wird ein  Mensch, ein Löwe, ein Rind und ein Adler gezeigt, was die vier Apostel  Matthäus, Markus, Lukas und Johannes verkörpert. Viel Blau symbolisiert Wasser, das daraus schließen lässt, dass der Vers aus Johannes 7, 38 zum Vorbild diente: Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

Das i-Tüpfelchen bei dieser Kirchenerweiterung setzte im wahrsten Sinne des Wortes die Zimmerei Ehler aus Oberiflingen mit der Kirchturmverschiebung um 3,2 Meter obendrauf. Auf Stahlträgern wurden in 1 Stunde und 35 Minuten mit Winden und Flaschenzügen der Turm an seinen jetzigen Platz gezogen. Weil alles ohne Genehmigung und Notiz des Oberkirchenrats in Stuttgart stattfand, sorgte das Ganze in den Neunziger Jahren bei der Flurbereinigung für Irritationen. Zum vermessen der Felder  wird in der Regel der Kirchturm als Anhaltspunkt genommen. Es schien, als ob sich alle Grundstücksgrenzen verschoben hätten.

Zum vierzigjährigen Jubiläum dieser besonderen Leistungen besuchte Landesbischof  Dr. Gerhard Maier aus Stuttgart den kleinen Schwarzwaldort.